Rückblick: New York City Marathon

Ein kalter Novembermorgen. Draußen ist es noch dunkel. Es ist Sonntag und ich ich sitze im Bus. Mit mir noch ca. 60 andere Läuferinnen und Läufer. Insgesamt werden heute 45.350 Teilnehmer zum New York City Marathon starten.

Und ich bin mittendrin, nicht nur dabei. Plötzlich fallen mir alle meine Trainingssünden wieder ein. Hätte ich nicht doch noch öfter in der Woche trainieren sollen? Noch mehr lange Läufe absolvieren? Naja, zumindest verspricht ein die aufkommende Dämmerung schönes Wetter.

New York City Marathon, here I come!

Lothar Bökamp New York City Marathon 2010
Lothar Bökamp New York City Marathon 2010

Start

Der Bus erreicht das Startareal auf Staaten Island. Fröstelnd drehen wir erst einmal in unseren kleinen Reisegruppe – Ex-ArbeitskollegenInnen aus der Bertelsmann-Zeit – eine kleine Orientierungsrunde und suchen uns einen windgeschützten Platz unterhalb der Verrazano-Narrows Bridge. Noch fast 3 Stunden bis zum Start.

Das Gelände um den Start füllt sich allmählich. Die Sonnenstrahlen werden auch wärmer. Eine Stunde vor der Startzeit geht es dann in den Vorstartbereich. Dicht gedrängt strömen immer mehr Läufer in die “Startboxen”. Bald gehts also auch für uns los. Jetzt schon mal die wärmenden, alten Trainingsanzüge ausziehen und in den knappen Laufklamotten die restliche Zeit bis zum Start abwarten. Wider Erwarten vergeht ab jetzt die Zeit doch ziemlich schnell.

Aus der Ferne ertönt Musik und Gejohle. Wieder geht eine Startwelle auf die 42,2 km lange Strecke. Jetzt kann auch unsere Startgruppe vorziehen. Alles ist perfekt organisiert, kein Gedränge, kein Geschubse. Und schon stehen wir direkt in der Startaufstellung. Glück gehabt: Auf der doppelstöckigen Brücke starte ich mit der Gruppe auf der rechten oberen Fahrbahn und habe so einen tollen Blick. Und plötzlich fällt auch schon der Startschuss. Und los gehts! Bei herrlichem Sonnenschein gehts über die Verrazano-Narrows Bridge Richtung Brooklyn.

Dicht an Dicht und mit einem grandiosen Blick auf die Freiheitsstatue. Eigentlich ist jetzt alles wie beim Training. Die leichte Nervosität ist komplett verwunden. Der Weg ist jetzt das Ziel. Ich habe keine besonderen Ambitionen auf eine besonders gute Zeit. Vier Stunden und 30 Minuten wären schon ganz okay. Also los und einfach den Lauf genießen!

Verrazano-Narrows-Bridge
Verrazano-Narrows-Bridge

Schnitt.

Halbzeit bei KM 21

Die Hälfte ist geschafft. Beeindruckend die Zahl der Zuschauer: 2 Millionen sollen es sein. Kaum einen Meter entlang der Strecke, der nicht mindestens mit 2 oder 3 Menschenreihen gesäumt ist. Lautstark sind die Anfeuerungen: Mit Rasseln und Musik werden die Läufer motiviert. Dank meines Namens auf dem Laufshirt höre ich irgendwo aus der Menge “Lothar, I love your Name!”. Ups, die meinen mich!?

Ich checke meinen Körper: Alles gut. Keine Ermüdungserscheinungen. Dank der unzähligen Verpflegungsstände an der Strecke alles Top! Interessant, wie viele Pappbecher da auf dem Asphalt lagen. Mit Schneeschaufeln schippen die unzähligen Helfer die leeren und plattgetretenen Becher an den Straßenrand. Die isotonischen Flüssigkeiten sorgen für einen klebrigen Untergrund. Weiter gehts.

Kilometer 31.

Lothar Bökamp New York City Marathon 2010
Lothar Bökamp New York City Marathon 2010

Hey, das ist die Länge vom Hermannslauf! Ein Blick auf die Uhr: 3 Stunden 20 Minuten. Okay, den “Hermann” hatte ich schon mal in 3:10 geschafft, also alles gut. Schließlich gilt es noch, die restlichen 11 Kilometer zu schaffen. Mittlerweile hat die Mittagssonne auch ganz schön Kraft entfaltet. Es ist warm!

Ich hatte mir den Streckenverlauf in etwa eingeprägt. Hier führt die Strecke noch durch die ewig nur geradeaus führenden Straßenschluchten. Aber schon bald müssten die ersten Bäume vom Central Parc auftauchen. Und dann hat man es es quasi geschafft. Also weiter!

Endspurt.

Ich entdecke Baumwipfel in der Ferne. Es beißt in den Oberschenkeln. Immer weiter laufen. Einen Fuß vor den nächsten setzen. Hier sind wesentlich mehr Zuschauer als am bisherigen Streckenverlauf. Ich laufe an einem kleineren Parkgelände vorbei. Mist, ist doch wohl noch nicht der Central Parc! Irgendwie merke ich plötzlich, dass das Gelände ansteigt. Auch das noch! Mittlerweile komme ich mir vor wie auf dem Jahrmarkt.

Das Ziel in Sicht.

Menschenmengen rechts und links der Strecke. Alles jubelt und feuert an. “Well done”. “Go, Lothar, go!”. Noch ungefähr 5 Kilometer zum Ziel. Die Kräfte lassen deutlich nach. Das Geschrei der Zuschauer ist ja gut gemeint, aber es geht mir auf den Keks. Irgendwie fällt jetzt auch das Atmen schwer. Ich will eigentlich nur noch gehen – ich mag nicht mehr laufen! Aber meine Laufpartnerin fasst mich an der Hand und zieht mich etliche Meter so mit. Okay, kleiner Einbruch, aber dann gehts wieder. Jetzt ist das Ziel vor Augen: Yeah, geschafft. Die Uhr bleibt bei 5:00:53 stehen. Wie blöd ist das denn? Just über 5 Stunden. Aber egal, ich war dabei und bin “Finisher”. Geschmückt mit einer Riesenmedaille und einem wärmenden Umhang aus Alufolie geht es jetzt durch den Central Parc hinaus zum Ausgang. Wohwww, das war schon ein Riesenerlebnis! Und ich war mittendrin.

Random House.

Am nächsten Tag hatte ich noch einen außergewöhnlichen Termin. Eine Verabredung “auf einen Kaffee” mit Markus Dohle, Chef der Verlagsgruppe Random House und Mitglied im Vorstand der Bertelsmann AG. Seinerzeit hatte ich ihn als Assistent “meines” Geschäftsführers bei Arvato kennen und schätzen gelernt. Da wir am gleichen Tag Geburtstag haben, war der Kontakt im weiteren Verlauf des Berufslebens nie so komplett abgerissen.

Also rein ins Gebäude am Broadway, eine kurze Erklärung am Empfang, Benachrichtigung des Sekretariats – das übliche halt. Ein paar Stockwerke mit dem Fahrstuhl nach oben fahren und im Konferenzraum erstmal warten. Toller Ausblick! Dann ging es in das Büro des “Big Bosses”. Nach einem herzlichen Empfang plauderten wir locker über seinen Berufsalltag in der Stadt, die nie schläft. Gestern noch mit Georg Bush das neue Buch präsentiert und heute ein Schnack mit Lothar Bökamp aus Ostwestfalen, für mich war ein schönes Erlebnis, hat man nicht alle Tage.

Lothar Bökamp und Markus Dohle
Lothar Bökamp und Markus Dohle

Zum Abschied gab es dann noch viele lustige Anekdoten aus unserer gemeinsamen beruflichen Zeit und das obligatorische gemeinsame Foto.

Bye, bye New York City. Ich komme bestimmt noch einmal wieder! Aber nicht unbedingt zum Marathon. Zu Markus Dohle immer wieder gerne.

New York City Marthon 7.11.2010

  • 45.350 Teilnehmer
  • 44.969 Finishers
  • Siegerzeit: 2:28:20 (Gebregziabher Gebremariam (ETH))
  • Meine Zeit: 5:00:53
  • Gesamtplatz: 34.858
  • Gesamt Männer: 23.864 von 28.848 Finishers
  • Altersgruppe: 3.626 von 4.289 Finishers