01 Okt 2016

World Stratos Meeting – Das Treffen der alten Männer

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Der Piazza Duomo im norditalienischen Städtchen Biella liegt in der schwülen Mittagssonne. 32 Grad im Schatten treibt auch die letzten aktiven Menschen in die Bar »Matteo Caffè e Cucina«, die am schattigen Rand des Platzes liegt. Die Uhr des alten Kirchturms schlägt bedächtig zur vollen Stunde. Einige Tauben gurren. Siesta.

In der Ferne ein Grummeln. Zunächst kaum hörbar. Zieht jetzt doch ein Gewitter auf? Der Blick gen Himmel lässt das unwahrscheinlich erscheinen. Das Geräusch wird lauter. Und deutlicher. Es nähert sich. Es ist das rhythmische Klopfen der Kolben eines Rennmotors. Fast im Standgas – aber mit einer mächtigen Geräuschkulisse eines offenen Auspuffs – „tuckert“ die Mutter aller Rallyeautos aus dem schmalen Gässchen auf den Platz. „Stratos! Bella Macchina!“ Ein Raunen geht quer über die Tische der Altstadtbar.

Gibt es ein Gewitter oder was höre ich da grummeln?

Ein Lancia Stratos in voller Gruppe-4-Spezifikation im Alitalia-»Kampfanzug« betritt die Bühne. Unglaublich welchen Klang dieses Fahrzeug selbst im Standgas und im dahinrollen bereits produziert!

Hecktisch treten die Einweiser in Aktion. Gestenreich wird dem Fahrer im cockpitartigen Volant des Stratos’ signalisiert, welche Parkposition er einnehmen möge. World Stratos Meeting 2016. Für jeden der 43 Teilnehmer ist seine Parkposition auf der Piazza mit einem eigenen Teppich gekennzeichnet.

Über 40 Teilnehmer kamen zum World Stratos Meeting von Erik Comas ins italienische Biella.

Über 40 Teilnehmer kamen zum World Stratos Meeting von Erik Comas ins italienische Biella.

Rückwärtsfahren im HF-Stratos – so die Bezeichnung der Rallye-Version – ist allerdings nur ohne direkte Sicht nach hinten möglich. Der voluminöse Luftfilter auf dem 6-Zylinder-Ferrari-Motor verhindert jegliche Sicht durch das schlitzartige Heckfenster. Geschafft. Der Donnerkeil hat seine Parkposition eingenommen. Mit einigen kräftigen Gasstößen stellt der Chauffeur das Triebwerk ab. Jetzt wissen auch wohl die letzten Bewohner der Altstadt von Biella: Das World Stratos Meeting empfängt seine Teilnehmer.

Der ehemalige Formel-1-Fahrer Erik Comas lädt ein

Organisator Erik Comas, selbst Fahrer eines Lancia Stratos’ und Teilnehmer der historischen FIA-Rallye-Europameisterschaft, hat gerufen und die Stratos-Gemeinde folgt. Der Formel-1-Fahrer aus den 90er Jahren gewann letztens noch die Targa Florio auf Sizilien.

Nach und nach wiederholt sich das Spektakel und die Teppiche füllen sich. Drei Teilnehmer des Meetings wollen mehr und haben sich bei der zeitgleich stattfindenden »Rally Lana Storico« – einem Lauf zur historischen italienischen Rallyemeisterschaft – eingeschrieben. Allen voran Erik Comas, der Brite Steve Perez und der Deutsche Burghard Brink.

Burghard Brink mit dem Lancia Stratos, der 2012 die ADAC Rallye Masters Division 8 (historische Fahrzeuge) gewann. Hier bei der technischen Abnahme der »Rally Lana Storico«.

Burghard Brink mit dem Lancia Stratos, der 2012 die ADAC Rallye Masters Division 8 (historische Fahrzeuge) gewann. Hier bei der technischen Abnahme der »Rally Lana Storico«.

Rally Lana Storico

Also ab zur Papier- und Fahrzeugabnahme. Drei Stratos‘ bei einer historischen Rallye gibts auch nicht so oft. Dementsprechend groß war das Interesse der Zuschauer – und das der technischen Kommissare. Mit wohlwollendem Nicken gab es den »Verificato«-Aufkleber. Und wieder zurück zum Piazza Duomo, der sich zwischenzeitlich komplett mit den Fahrmaschinen gefüllt hatte.

Komplett? Nicht ganz, der markante weiße Stratos mit der Zenith-Werbung – Erik Comas – fehlt noch. Erik wollte uns doch auf dem Platz begrüßen? Wo er wohl bleibt?

Dann plötzlich infernalische Gasstöße des heiser klingenden flachen Renners. Forsch prescht Erik mit seinem Stratos auf den Präsentationsplatz vor den Zenith-Pavillon. Die Menschenmenge läuft zusammen und umringt sein Auto, aus dem er sich gekonnt herauswindet.

Applaus für den ehemaligen Formel-1-Fahrer. Bravurös, wie er sich in Szene setzt. Man erkennt den ehemaligen Profi-Rennfahrer. Braungebannt, schlanke Figur, strahlendes Lächeln und den Daumen an der Hand noch oben gerichtet, stellt er sich den zahlreichen Fotografen und Kameraleuten. Nachdem erste Interview gegeben waren, begrüßt Erik tatsächlichen jeden Teilnehmer einzeln und überreicht jeweils eine Gedenkplatte.

Gedenkplakette für jeden Teilnehmer des World Stratos Meeting: Erik Comas überreichte jedem persönlich eine Erinnerung.

Gedenkplakette für jeden Teilnehmer des World Stratos Meeting: Erik Comas überreichte jedem persönlich eine Erinnerung.

An den folgenden zwei Tagen dann der Start des »Korsos« der gut 40 Donnerkeile durch die hügelige Landschaft des Piemont. Lunchtime inklusive ebenso wie abendliche Dinner in gediegenem Ambiente. Und zur »Krönung« an beiden Tagen jeweils eine noch abgesperrte Sonderprüfung der »Rally Lana Storico«, wo auch die weniger ambitionierten Stratos-Treter nach den Rallye-Teilnehmern ihren Gefährten die Sporen geben konnten.

Satzgewinn für Steve Perez

Ach ja, à propos »Lana Storico«: Der Brite Steve Perez war es, der am Ende als Einziger seinen Stratos ins Ziel brachte. Chapeau!

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